Ralph Tiesler
Grußwort für die 16. Sommerakademie
Katastrophenmedizin und Humanitäre Hilfe 2025
Sehr geehrte Damen und Herren,
Krisen-, Katastrophen und veränderte Sicherheitslagen bis hin zu kriegerischen Konflikten – wir erleben aktuell viele Großschadensereignisse weltweit mit teilweise verheerenden Folgen für die Bevölkerung. Es ist vor allem die Gleichzeitigkeit dieser Krisen, die eine der größten Herausforderungen für unsere Gesellschaft darstellt. In der Medizin offenbart sich dies auf eklatante Weise.
Kriege vermögen es, die Bewältigungsmechanismen von Gesundheitssystemen und gesundheitlichem Bevölkerungsschutz an ihre Grenzen und weit darüber hinaus zu bringen. Kommen weitere Extremlagen etwa durch Starkregen oder Dürre hinzu, verschärft dies mögliche Lagen weiter.
Natürlich umfasst Katastrophenmedizin per Definition die Versorgung einer Vielzahl von Patientinnen und Patienten unter widrigen Bedingungen – sie sollte aber auch in erster Linie eine vorübergehende Behandlungsstrategie sein, bis wieder ausreichend Ressourcen und Kapazitäten zur Verfügung stehen. In Zeiten multipler Krisen allerdings – in denen auch kriegerische Angriffe auf Gebiete der NATO nicht mehr ausgeschlossen sind – kann es ungewiss bleiben, wie lange Ausnahmezustände andauern und welche Ausmaße sie annehmen.
Sollte es zu einem NATO-Bündnisfall kommen, kämen auf Deutschland etwa 1000 Patientinnen und Patienten pro Tag zu. Und auch wenn das deutsche Gesundheitswesen und auch der gesundheitliche Bevölkerungsschutz grundsätzlich gut aufgestellt sind, müssen wir uns auf diese Szenarien bestmöglich vorbereiten – auf die Herausforderung bei der Personalkoordination, bei der Aufrechterhaltung eines belastbaren Steuerungssystems unter widrigen Umständen und auf die spezialisierte medizinische Behandlung besonderer Verletzungsmuster.
Der Schutz der Gesundheit ist eine zentrale Dimension der Vorbereitung.
Die zivile Verteidigung ist untrennbar mit der militärischen Verteidigung verknüpft, gleichwertig auf das gleiche Ziel ausgerichtet: den Staat und die Gesellschaft vor den Angriffen eines Aggressors zu verteidigen und die Zivilbevölkerung zu schützen. Wer an „Verteidigung“ denkt, denkt zumeist an den militärischen Schutz; an Soldatinnen und Soldaten, an die Polizistinnen und Polizisten und die Nachrichtendienste. Die zivile Seite – und dazu gehört auch der gesundheitliche Bereich – muss genauso mitgedacht und genauso vorbereitet werden.
Ohne eine resiliente und gesunde Zivilgesellschaft ist eine militärische Verteidigung nicht möglich und zudem nicht zielführend. Gesundheit ist nicht nur ein Element der physischen Gesundheitsversorgung, sondern auch ein Baustein für die gesamte Funktionsfähigkeit eines Staates. Wir müssen Gesundheit stärker in unsere Sicherheitsarchitektur integrieren – sowohl in der Praxis als auch in der politischen und strategischen Ausrichtung.
Nie vergessen dürfen wir dabei: Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen und stellen außergewöhnliche Anforderungen an die medizinische Hilfe für die Betroffenen.
Diese Anforderungen erfasst die Präambel der ersten deutschen Leitlinie zur präklinischen Katastrophenmedizin, die 2023 auf Basis eines Forschungsprojektes initiiert vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe veröffentlicht worden ist. Erarbeitet wurden die Leitlinien von zahlreichen Fachleuten und Praktikerinnen und Praktiker aus Fachgesellschaften, Institutionen und Einsatzorganisationen. Für das Fachwissen, das in diesen Leitlinien enthalten ist, können wir sehr dankbar sein.
Übergreifende Zusammenarbeit und wissenschaftliche Expertise brauchte es immer und heute mehr denn je. Wir müssen daher die Aus- und Weiterbildung im medizinischen Bereich weiter stärken, sie umfassend und interdisziplinär gestalten. Die Herausforderungen in Krisensituationen können die unterschiedlichsten Formen annehmen und jede Nothilfesituation ist eine andere. Darum braucht es neben Fachwissen vor allem auch weitreichendes und regelmäßiges Training. Es braucht Formate, in denen Fähigkeiten und Fertigkeiten – auch für den praktischen Einsatz – fundiert und vernetzt vermittelt werden.
Ein solches Format ist die Sommerakademie Katastrophenmedizin und Humanitäre Hilfe. Bereits zum 16. Mal findet die Veranstaltung in dieser Form statt und es ist mir eine besondere Ehre, in diesem Jahr erneut ihr Schirmherr zu sein. Wir legen hier einen wichtigen Baustein für den Schutz der Menschen in Katastrophe und Krieg – und schaffen einen Raum für die Menschen, die diesen Schutz möglich machen.
Das sind Sie, meine Damen und Herren. Immer, aber besonders in Zeiten wie diesen, brauchen wir gut ausgebildete, geübte und vernetzt denkende Einsatzkräfte wie Sie, um den Anforderungen zu begegnen.
Nur wenn wir uns jetzt vorbereiten, können wir unseren gemeinsamen Kernauftrag vollumfänglich erfüllen:
Den Schutz der Bevölkerung in jeder Lage sicherstellen.
Ich bin überzeugt davon, dass Sie Ihr Wissen hier mehren werden. Sie werden viele wertvolle Impulse finden und Netzwerke knüpfen, die das Wissen auch über die Sommerakademie hinaus in die Praxis tragen.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Chance umfassend nutzen können und dabei stets viel Erfolg. Auch möchte ich die Gelegenheit nutzen, mich ausdrücklich bei Ihnen zu bedanken. Sie leisten hier einen wesentlichen Beitrag in der Kompetenzbildung für die Katastrophenmedizin.
Darauf können Sie zurecht stolz sein, denn es ist anspruchsvoll, fordernd und in der heutigen Zeit von enormer Bedeutung.
Vielen Dank und gutes Gelingen!
Ihr
Ralph Tiesler
Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)



